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Full text of "Chinesische kleinplastik"

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ORB  IS  PICTUi 

BAND  12 

CHINESISCHE 
KLEINPLASTIK 

ERNST  WXSMUTH  A .  G .  BERLIN 


•.TKaisiÄff: 


Presented  to  the 

LIBRARY  ofthe 

UNIVERSITY  OF  TORONTO 

by 

MIRIAM  SCHNEID-OFSEYER 

DR.  JACOB  SCHMEID 

ADAM  SCHNEID 


G  Tt/u  J(/iiyya^ 


ORBIS  PICTUS/WELTKUNST^BÜCHEREI 

HERAUSGEGEBEN  VON  PAUL  WESTHEIM 


BAND  12 


CHINESISCHE 
KLEINPLASTIK 

OTTO  BURCHARD 


1.-8.  TAUSEND 


VERLAG   ERNST  WASMUTH   A.  G.  BERLIN 


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L    13^2  4  2005       J 


SPAMERSCHE  BUCHDRUCKEREI  IN  LEIPZIG 


W  ie  der  Tote  für  den  Chinesen  Generationen  hindurch  gegenwärtig  bleibt  und 
entsprechende  Verehrung  genießt,  so  ist  auch  die  Kunst,  die  von  den  Urahnen  ge- 
schaffen wurde,  stets  Gegenstand  einer  pietätvollen  Pflege  geblieben.  Die  Alter- 
tümer w-urden  bereits  zu  Beginn  der  europäischen  Zeitrechnung  ehrfurchtsvoll  gehegt. 
Die  Annalen  berichten,  daß  in  der  Han-Zeit  einzelne  Ortschaften  nach  Bronze-Kult- 
gefäßen, die  man  dort  fand,  umbenannt  worden  sind.  Eine  oft  wiederholte  Dar- 
stellung auf  den  Grabreliefs  der  Han-Zeit  schildert  das  Auffischen  eines  Bronze- 
Dreifußes  in  Gegenwart  des  Kaisers.  Um  die  Wende  des  ersten  nachchristlichen 
Jahrtausends  bestanden  bereits  große  Kunstsammlungen,  die  in  umfangreichen  Publi- 
kationen der  Zeit  abgebildet,  beschrieben  und  nach  Typ»en  klassifiziert  worden  sind. 
Entsprechend  dem  Geiste  des  Ahnenkultus  blieb  die  Kunst  der  Vorfahren  lebendige 
Tradition.  Neu  aufkommende  Dynastien  haben  zwar  ihr  Teil  em  neuen  Formen  mit 
sich  gebracht,  sie  haben  aber  den  alten  Formenvorrat  nie  ganz  verdrängt.  Die 
chinesische  Formenwelt  besteht  aus  einem  großen  Stammkapital,  mit  kleinen  spä- 
teren  Einlagen. 


Jede  Form  in  China  ist  bei  ihrem  Entstehen  in  einem  bestimmten  Material 
gedacht  und  geschaffen  worden.  Z.  B.  wurde  in  ältester  Zeit  der  Typ  des  liegenden 
Tieres  im  Material  des  harten  Jade  erfunden.  Material  und  Formgebung  sind  so 
untrennbar,  daß  solche  Tiere  bis  in  die  Gegenwart  hmein  immer  wieder  in  Jade 
ähnlich  gebildet  worden  sind  und  trotz  dem  Wandel  der  Zeit  ihr  altertümliches 
Aussehen  gewahrt  haben.  Dieser  Halbedelstein,  der  aus  der  Fremde  bezogen  werden 
mußte,  ließ  sich  nur  in  kleineren  Stücken  verarbeiten.  Vor  allem  war  Jade  der- 
maßen hart  und  schwer  zu  bearbeiten,  daß  sich  für  die  figürliche  Kleinplastik  eine 
massige  und  geschlossene  Form  wie  von  selbst  ergab.  Die  Tiere  kauern  mit  ein- 
gezogenen   Beinen    (Abb.    5)    und    mit    rückwärts    gewandtem    Kopf    (Abb.    36  a, 

38  a,  38  b). 

Auch  beim  Elfenbein  legte  die  Form  des  unbearbeiteten,  gebogenen  Zahnes 
für  die  Figuren,  die  daraus  geschnitten  wurden,  eine  Ixistimmte,  leicht  ausgebogene 
Haltung  nahe.  Vielleicht  ist  ein  Widerklang  davon  noch  in  den  sogenannten  ,, langen 
Eleizen"  der  Porzellan-Malerei  wiederzufinden. 


Chinesische  Kleinplastik. 


Ebenso  wie  der  Ton,  aus  der  Hand  geformt,  nach  allen  Seiten  frei  entwickelt 
und  in  Bronze  gegossen  werden  kann,  so  zeigen  Keramik  und  Bronze-Guß  schon 
seit  ältester  Zeit  eine  weniger  durch  Gebundenheit  an  das  Material  gehemmte  Form- 
gebung, die  sich  deshalb  deutlich  von  den  Jade-Formen  und  ähnlichen  unter- 
scheidet (Abb.  1).  Selbst  wenn  Ersatzmaterialien  eingeführt  werden,  bleiben 
Ornamentik,  Form-  und  Farbengebung  des  ursprünglichen  Materials  gewahrt.  Die 
Formen  bleiben,  nur  das  Material  wechselt. 


War  einmal  eine  Form  in  edlem  Material  erfunden,  so  kam  man  in  China  bald 
auf  die  Verwendung  von  Surrogaten.  Palinierte  Bronzen  z.  B.  wurden  durch  grün 
glasierten  Ton  ersetzt  (Abb.  10).  Das  Porzellan  mag  als  Ersatz  für  dünnwandig 
geschliffenen  Jade  erfunden  worden  sein.  An  Stelle  von  Gold  trat  vergoldete  Bronze 
und  wieder  an  ihre  Stelle  mit  Vergoldung:  Lack,  Holz,  Papiermasse  u.  dgl. 

Aber  die  von  den  Chinesen  angewandten  Surrogate  sind  in  der  Regel  nie 
gemeine  Nachahmungen,  vielmehr  wird  das  stellvertretende  Material  jeweils  so 
gewählt,  daß  es  sich  ohne  Zwang  der  überlieferten  Form  fügt.  Es  wird  dem  Material 
niemals  Gewalt  angetan,  sondern  innerhalb  dieser  Grenzen  wird  seiner  Eigenart  voll- 
auf Möglichkeit  zur  Entfaltung  gegeben.  Dadurch,  daß  ein  solches  neues  Material, 
z.  B.  Porzellan,  sich  langsam  die  ursprünglich  wesensfremden  Formen  (wie  z.  B.  von 
Jade,  Keramik  und  Bronze)  aneignet,  führt  auch  das  Material  zu  neuen  reizvollen 
Entwicklungsmöglichkeiten. 

Wenn  man  also  die  chinesische  Kunst  an  ihrer  Wurzel  erfassen  will,  muß 
man  sich  an  die  ältesten  Formen  und  MateriaUen  halten.  Die  Kleinplastik  in 
Jade,  Ton  und  Bronze  umschließt  einen  der  wesentlichsten  Bestandteile  der  chine- 
sischen Formenwelt.  Die  künstlerisch  gestaltete  Großplastik  (von  völkerkundlichen 
Erzeugnissen  alter  Zeit  ganz  abgesehen)  tritt  erst  in  nachchristlicher  Zeit  als  selbstän- 
dige Kunstübung  auf.  Ja,  es  scheint  sogar,  daß  die  Groß-Plastik  anfangs  bei  der 
Kleinplastik  Anleihen  hat  machen  müssen,  ehe  sie  zu  einer  selbständigen  Weiter- 
entwicklung gelangte.  Die  verhältnismäßig  großen  Dachreiter  der  Ming-Zeit  (Abb. 
42  a,  42  b,  43,  44)  sind  z.  B.  direkte,  wenn  auch  stilistisch  abgewandelte  Nach- 
kömmlinge ihrer  kleinplastischen  Vorläufer  aus  der  Han-  und  T'ang-Zeit.  Aus 
diesem  Grunde  dürften  sie  sicher  zur  Kleinplastik  hinzugezogen  werden,  während 
im  Gegensatz  hierzu  die  kleinen  Bronzen,  welche  seit  der  T'ang-Zeit  die  ent- 
sprechende gleichzeitige  Großplastik  in  verkleinertem  Format  vertreten,  hier  nur 
in  wenigen  Beispielen  eingefügt  worden  sind  (Abb.  19,  20,  33).  Die  figürlichen 
kleinen  Bronzen  können  fruchtbar  nur  im  Zusammenhange  mit  der  Monumentalplastik 
gewürdigt  werden.  An  sich  sind  sie  durch  die  Kunst,  mit  der  die  Chinesen  die 
Bronzen  auch  in  kleinem  Maßstabe  zu  behandeln  wußten,  so  reizvoll  und  ihr  Vor- 
kommen so  zahlreich,  daß  sie  einer  besonderen  Behandlung  vorbehalten  sein  sollen. 


chinesische  Kleinplastik. 


Auch  die  sogenannten  Ahnentafeln  aus  Stein,  obwohl  sie  häufig  in  kleinem  Format 
vorkommen,  sind  Zwischenglieder  zwischen  Flachreliefs  und  Kleinplastik  einerseits 
und  der  späteren  Monumentalplastik  andererseits,  und  als  solche  im  vorliegenden 
Zusammenhange  nicht  berücksichtigt. 


Die  Formenwelt  der  ältesten  Zeit,  bis  zum  Ende  der  Chou-Periode,  hat  als 
Mittelpunkt  zwei  Grundtypen.  Erstens  den  Kürbis  (Calebasse),  aus  dessen 
Teilstücken  fast  sämtliche  Gefäßformen  abzuleiten  sind.  Sie  sind  das  Gefäß  der 
Frau,  der  die  Pflege  der  Komfrucht  und  der  vegetabilen  Speise  oblag.  Den  zweiten 
Typ  bestimmt  der  T  i  e  r  t  o  p  f  ,  und  er  ist  für  die  Geschichte  der  Klcinplaslik  der 
Entscheidende.  Er  wird  in  Ton  aus  freier  Hand  und  innen  hohl  geformt  —  in  dieser 
Gestalt  allerdings  nur  durch  literarische  Quellen  bekannt  —  und  hat  die  Gestalt 
des  jagdbaren  Tieres,  später  auch  des  Zuchtviehes.  Die  Gefäßform  entsprach  jeweils 
dem  Tiere,  dessen  Fleisch  in  dem  Gefäße  geopfert  wurde.  Der  Tiertopf  ist  das 
Opfergefäß  des  Mannes,  der  die  Tiere  als  Jäger  erlegte  und  als  Hirte  pflegte. 
Zuerst  aus  Ton  angefertigt,  wurde  er  später  auch  in  Bronze  gegossen  und  spielt  bei 
den  Zeremonien,  zusammen  mit  den  anderen  Kultgefäßen,  eine  häufige  Rolle. 
(Abb.  1,  3,  4).  Zuweilen  wurden  die  Tiertöpfe  auch  wieder  als  Ersatz  für  Bronze 
in  Ton   nachgebildet  und  mit  grüner  (patinaähnlicher)  Glasur  versehen   (Abb.    10). 

Mit  dem  Aufkommen  des  Bronzegusses  findet  sich  daneben  auch  eine  Ver- 
quickung der  beiden  genannten  Urtypen.  Entweder  wird  das  Tier  als  Ganzes  auf 
den  Deckel  des  Gefäßes  aufgesetzt,  oder  der  Bauch  eines  Gefäßes  wird  von  Tier- 
füßen getragen  oder  zeigt  als  Ausguß,  als  Handhaben  oder  als  Knauf  ein  Tier 
(Abb.  2),  schließhch  wird  auch  die  Tiergestalt  als  Relief  oder  als  Flachmuster 
auf  der  Außenseite  von  Gefäßen  verwandt,  indem  sie  sich  der  —  aus  dem  Flecht- 
muster entstandenen  —  Ornamentik  einfügt. 


Einen  ganz  anderen  Ursprung  hat  die  Grabkeramik,  die  als  bedeutendster 
Bestandteil  der  Kleinplastik  Chinas  hier  entsprechend  herangezogen  wurde.  Bereits 
aus  der  Han-Zeit  sind  uns  hiervon  mehrere  Beispiele  erhalten.  Da  man  dem  Toten 
den  Besitzstand  in  verkleinerten  Nachbildungen  ins  Grab  legte,  finden  sich  als  Bei- 
gaben neben  Modellen  von  Häusern,  Ställen,  Jagdtürmen,  Kornspeichern,  Wagen, 
Brunnen  und  Speisegeschirren,  vor  allem  die  Figuren  von  Frauen  und  Dienern,  von 
Haus-  und  Arbeitstieren  und  dergleichen.  Dieser  ganze  Inhalt  des  Grabes  vertrat 
einen  alten  Brauch,  dem  Toten  all  seine  Habe  in  Wirklichkeit  zu  belassen,  indem 
man  Haus  und  Hof  verbrannte  oder  räumte,  und  ihm  seine  lebende  Habe  de  facto 
in  das  Grab  mitgab.  Diese  figürlichen  Grabbeigaben  sind  also  keine  Weiterbildung 
schon   seit  ältester  Zeit  bestehenden   Kunstübung   (Tiertöpfe  in  Ton  und    Bronze), 


Chinesische  Kleinplastik. 


sondern  richten  sich  nach  den  direkten  Vorbildern  in  der  Natur.  Während  erstere 
oft  durch  Tradition  oder  durch  ihren  Gefäßcharakter  stilistisch  eine  gewisse  Ge- 
bundenheit zeigen,  ist  den  Grabplastiken  eine  unmittelbare  Natürlichkeit  und  frische 
Lebendigkeit  eigen,  welche  ihren  besonderen  Reiz  ausmachen.  Allerdings  sind  die 
Grabfunde  in  Ton  (aus  ärmeren  Gräbern)  häufig  nichts  weiter  als  fabrikmäßig 
aus  Modeln  produzierte  Massenware,  von  höchstens  ethnographischem  Interesse. 
Das  hindert  aber  nicht,  daß  die  sorgfältig  und  ausdrucksvoll  gearbeiteten  Figuren 
zu   dem   Besten   gehören,   was   China   an   Kunstwerken  hervorgebracht  hat. 

Die  ältesten,  bis  jetzt  bekanntgewordenen  figürUchen  Beigaben  der  Art 
sind  überwiegend  Pferde  und  Hunde  in  Ton,  die  zeitlich  ziemhch  genau  festzulegen 
sind,  z.  B.  die  Reste  von  Tonpferden  (Abb.  6  a,  7),  die  Herbert  Mueller  zusanunen 
mit  einer  Münze  der  frühen  Han- Dynastie  in  der  Provinz  Shantung  bei  Tsing-chou-fu 
ausgegraben  hat.  Der  Tradition  nach  sollen  sie  aus  dem  Grabe  der  Fürsten  Ho 
von  Ts'i  stammen.  Offenbar  in  dieselbe  Zeit  gehört  das  Fragment  eines  Pferde- 
kopfes, das  in  Abbildung  6  b  wiedergegeben  ist.  Bei  diesem  Fragment  ist  noch 
bemerkenswert,  daß  auch  die  (verlorengegangenen)  Ohren  mit  Zapfen  eingefügt 
gewesen  sind,  scheinbar  auch  ein  Kopfschmuck,  für  den  sich  ein  Loch  in  der  Mitte 
zwischen  den  Ohren  befindet.  Diese  Pferde  aus  Ton  sind,  verglichen  mit  den 
späteren,  von  stattlicher  Größe.  Sie  smd,  was  für  die  frühe  Entwicklung  charak- 
teristisch ist,  alle  aus  mehreren  Teilen  locker  zusammengefügt.  Kopf,  Rumpf,  Beine 
und  auch  Ohren  sind  einzeln  angefertigt,  vielleicht  um  sie,  wie  ihre  lebenden  Vor- 
bilder, in  den  Gliedern  beweglich  zu  machen.  (Die  alte  Literatur  berichtet 
von  , .Automaten".)  Das  Material  besteht  aus  dunkelgrauem  Ton,  an  der  Ober- 
fläche grau-braun,  ist  hart  gebrannt  und  porös  und  trägt  stellenweise  Spuren  von 
Bemalung.  Die  beiden  Pferde  (Abb.  8  a,  8  b)  gehören  auch  zu  diesem  frühen  Typus, 
obwohl  es  nicht  ausgeschlossen  schemt,  daß  sie  der  späten  Han-Zeit  oder  selbst  den 
nächstfolgenden  Jahrhunderten  zugeschrieben  werden  müssen.  Sie  wirken  nicht  mehr 
so  flächig  gesehen,  ja,  sie  zeigen  schon  einen  entfernten  Anklang  an  die  großen 
lebendig  aufgefaßten  Lieblingspferde  des  Kaisers  Tai-tsung  (627 — 649  n.  Chr., 
frühe  Tang-Zeit),  die  auf  den  steinernen  Platten  seines  Grabes  in  Hochrelief  aus- 
gehauen sind.  Auch  die  Hunde  in  Ton  aus  dieser  Zeit  haben  mit  den  Pferden 
der  Han-Periode  ein  gemeinsames:  Sie  sind  völlig  von  der  Seite  gesehen.  Von 
vorn  oder  von  oben  betrachtet  zeigen  sie  nur  einen  flachen  und  unmodellierten 
Streifen,  der  die  Naht  enthält,  welche  die  beiden  symmetrisch  in  Modeln  geformten 
Hälften  verbindet.  Deshalb  wirken  diese  Tiere  wie  Hochreliefs.  Sie  sind  breit- 
flächig, fast  linear,  mit  scharfen  Rändern  modelliert. 


Chinesische  Kleinpbstik. 


In  die  Wei-Zeit  ist  wohl  die  eine  Figur  (Abb.  12)  zu  setzen,  welche  noch 
den  grauen  Ton  der  Han-Zeit  als  Material  hat,  aber  durch  eine  freiere  stilistisch 
gelöstere  Auffassung  auf  ein  späteres  Kunstempfinden  hinweist.  Als  solche  ist  sie 
sehr  verwandt  mit  der  Figur  (Abb.  13),  die  sich  im  Ostasiatischen  Museum  in  Berlin 
befindet.  Beide  Figuren  zeigen  Sklaven,  die  die  Arme  zur  Begrüßung  in  den 
Ärmeln  verschränkt  halten.  Es  ist  dies  dieselbe  Begrüßungsstellung,  wie  wir  sie 
aus  den  Han-Reliefs  kennen. 


Mit  der  T'ang-Zeit  (618 — 905  n.  Chr.)  wird  für  die  Kleinplastik  der 
früher  bevorzugte  graue  oder  graubraune  Ton  abgelöst  und  meistens  durch  eine 
hellgelbe  oder  rötliche  Masse  ersetzt.  Auch  wird  der  Ton  jetzt  feiner  geschlemmt. 
Vor  allem  aber  wechselt  die  Formgebung.  Das  Vollplastische  gewinnt  über  das 
Flächige  die  Oberhand.  Die  Nähte  werden  bei  guten  Figuren  sorgfältig  verdeckt, 
so  daß  diese  wie  aus  einem  Stück  geformt  anmuten.  Die  Kleinplastik  wird  bewegt : 
Kamele,  die  knien,  suchen  sich  mit  ihrer  Last  zu  erheben  (Abb.  26),  scheuende 
Pferde  werden  von  unsichtbarer  Hand  gehalten  (Abb.  21).  Andere  Pferde  wenden 
den  —  aus  freier  Hand  modellierten,  und  nicht  mehr  in  Formen  gepreßten  — 
Kopf  zur  Seite,  erheben  ein  Vorderbein  (Abb.  22),  Sklavinnen  spielen  ein  Zupf- 
instrument (Abb.  18).  Jäger  zu  Pferde  stoßen  mit  dem  Speer  auf  ihre  Beute 
(Abb.  24),  während  faltige  Gewänder,  Zaumzeug,  Sättel  und  Lasten  durch  reichere 
Modellierung  die   Figuren   beleben. 


Die  Sung-Dynastie  setzt  die  Kleinplastik  der  T'ang-Periode  fort,  wenn  auch 
nur  als  Ausklang.  Manche  Stücke,  die  heute  der  T'ang-Zeit  zugeschrieben  werden, 
vor  allem  solche,  die  in  der  Proportion  der  Körp)erteile  Kopf  und  Rumpf  in  ein 
Mißverhältnis  zueinander  bringen,   können  wohl  als  später  angesehen  werden   (Abb. 

32  b,  33).  *  * 

Nach  und  nach  hört  die  Klcinplastik  auf,  die  führende  Rolle  zu  spielen.  Die 
seit  der  Wei-Zeit  aufblühende  Großplastik,  die  von  den  Ahnentafeln  in  Hochrelief 
sich  bis  zu  den  freistehenden  Götterfiguren  der  Tang-  und  Sung-Zeit  entwickelte, 
bringt  die  Kleinplastik  in  eine  stetig  wachsende  Abhängigkeit;  trotzdem  hört  die 
Kleinplastik  nicht  auf,  ganz  selbständig  noch  weiter  zu  wirken.  Lebendige  Nach- 
klänge sind  die  schon  erwähnten  Dachreiter  der  Ming-Zeit,  welche  sich  an  die 
Grabbeigaben  in  ihrer  künstlerischen  Gestaltung  anschließen,  femer  die  Figuren 
in  Jade  (Abb.  36  a,  36  b,  37,  38  a,  38  b),  Elfenbein  (Abb.  47)  und  Kristall 
(Abb.  48).  Und  endlich  nicht  zu  vergessen  die  sahnefarbigen  blanc-de-Chine- Figuren 
(Abb.  45,  46  a,  46  b),  mit  der  ganzen  Vollendung  ihres  Materials. 


Literatur. 

Exhibition  of  Early  Chinese  Pottery  and  Sculpture,  von  S.  C.  Bosch-Reitz,  Katal.  des  Metropolitan- 
Museums  1916.    New  York. 

Hobson,  R.  L.,  Chinese  Pottery  and  Porcelaine.    Band  I.    Cassell   &  Co.  Ltd.    London  191 5. 

— •  — ,  Catalogue  of  a  Collection  of  Early  Chinese  Pottery  and  Porcelaine,  Burlington,  Eine  Arts  Club. 
1910,  London. 

Kümmel,  Otto,  Die  Kunst  Ostasiens.    Verlag  Bruno  Cassirer,   Berlin   1921. 

Laufer,  Chinese  Pottery  of  the  Han-Dynastie.    E.  J.   Brill  Ltd.    Leiden   1909. 

,  Berthold,  Jade.    Publication  1 54,  Field-Museura   of   Natural  History.    Anthropological  Series. 

Vol.  10.    Chicago   191 2. 

Schermann,  Luzian,  Zur  Altchinesischen  Plastik.  Verlag  der  Bayrischen  Akademie  der  Wissenschaften- 
München  191 5. 


Zeittafel  der  wesentlichen  AinesisAen  Dynastien , 

Chou-Dynastie  11 22  v.  Chr.  bis  256  v.  Chr. 
Han-Dynastie  206  v.  Chr.  bis  220  n.  Chr. 
Wei-Dynastie  220 — 265  n.  Chr. 
T'ang-Dynastie  618 — 906  n.  Chr. 
Sung-Dynastie  960 — 1280  n.  Chr. 
Yüan- Dynastie   1280 — 1368  n.  Chr. 
Ming- Dynastie  1368 — 1644  n.  Chr. 
Ts'in- Dynastie   1644 — 191 2  n.  Chr. 


Chinesische  Kleinplastik. 


Abbildungsverzeidinis. 

1.  Bronzegefäß  in  Form  eines  Adlers,  mit  Goldeinlagen.  Höhe  26,5  cm.  Stil  der  Chou-Dynastie. 
Aus  Bosch-Reitz  (a.  a.  O.  Abb.  340). 

2.  Bronze-Tiger,  Knauf  einer  Bronzeglocke.  Länge  36  cm,  Höhe  i3'/2  cm.  Chou-Zeit.  Völkerkunde- 
Museum,  Berlin. 

3.  Rind,  Bronzegefäß.    H.   i6cm.    Han-Zeit.    Städelsches  Institut,  Frankfurt. 

4.  Elefant,  Bronzegefäß.    H.    16  cm.    Han-Zeit.    Städelsches  Institut.  Frankfurt  a.  M. 

Gefunden  in  Shantung  beim  Eisenbahnbau  in  8  m  Tiefe. 

5.  Fabel-Tier,  Jade.    H.   12,5  cm,  L.   17  cm.    Han-Zeit.    Aus  B.   Laufer  (a.  a.  O.  PI.  XLIII). 
6a.    Pferdekopf,  Ton.    L.   25  cm,  H.   15  cm.    Han-Zeit.    (Beide  Ausgr.  v.   Dr.  Herbert  Mueller.) 
6b.   Pferdekopf,  Fragment,  grauer  Ton.    L.   21  cm.    Han-Zeit.    Phot.  d.  \'erf. 

7.      Pferdekopf,  Ton.    L.   24  cm,  H.   15  cm.    Han-Zeit.    Völkerkunde-Museum,  Berlin. 

8a.    Pferdekopf,  grauer  Ton.    L.  30  cm.    Han-Zeit  (.').    Aus  Bosch-Reitz  (a.  a.  O.  Abb.  308). 

8b.   Pferdekopf  mit  Rumpf,  Ton.    H.  ca.  40cm.    Han-Zeit  (.?).    Phot.  E.  Knuth,  Tsinanfu. 

9  a.    Hund,  Ton.    H.   12  cm.    Han-Zeit.    Museum  für  Völkerkunde,  München. 

9b.   Hund,  Ton,  grüne  Glasur.    L.  28,7  cm.    Han-Zeit.   .\uä  Berthold  Laufer  (a.  a.  O.  Abb.  262  links). 

10.  Widder,  Tongefäß,  irisierende  grüne  Glasur.  L.  32,5  cm.  Hans  Zeit.  Ostasiatisches  Museum,  Berlin. 

11.  Fabeltier,  von  zwei  Echsen  angefallen,  Stein.  Reste  roter  Bemalung,  Wei-Zeit.  H.  14  cm, 
Br.   15,5  cm.    Phot.  Kunsthandlung  L.   Glenk,  Berlin. 

12.  Kniender  Sklave,  grauer  Ton.    H.   34  cm.    Wei-Zeit.    Phot.   D.  Comter,  Amsterdam. 

13.  Oberteil  eines  Sklaven,  grauer  Ton,  mit  Spuren  von  Bemalung.  H.  30  cm.  Wei-Zeit.  Ost- 
asiatisches Museum,  Berlin. 

14a.    Weibliche  Figur,  Ton,  gelbliche  Glasur.   H.  25  cm.  T'ang-Zeit.   Phot.  Edgar  Gutmann,  München. 

14b.  Weibliche  Figur,  Ton,  hellbraune  und  grüne  Glasur.  H.  63  cm.  T'ang-Zeit.  Phot.  Hugo  Meyl, 
München. 

15a  u.  b.  Zwei  Pferdeknechte  (kriegsgefangene  Sklaven),  Ton.  II.  19  cm.  T'ang-Zeit.  Privat- 
besitz, Berlin. 

i6a.  Weibliche  Figur,  Ton,  Reste  von  Bemalung.  H.  17  cm.  T'ang-Zeit.  Kunstgewerbemuseum, 
Hamburg. 

16b.   Männliche  Figur,  Ton,  gelbliche  Glasur.   II.  24  cm.  T'ang-Zeit.  Phot.  Edgar  Gutmann,  München. 

17.  Darstellung  der  beiden  mythologischen  Kaiser  Fu-Hi  und  Nü-Kua,  Ton,  Reste  von  Bemalung. 
H.  13,5  cm,  L.  26  cm.    T'ang-Zeit.    Phot.  L.  Glenk,  Berlin. 

18.  Lautenschlägerin,  heller  Ton  ohne  Glasur.    H.  19  cm.   T'ang-Zeit.   Phol.  Hugo  Meyl,  München. 

19.  Bronze-Göttin,  vergoldet.    H.   24  cm.    T'ang-Zeit.    Phot.  Edgar  Gutmann,  München. 
Sitzender   Buddha,   Bronze,  vergoldet.    H.   34  cm.    T'ang-Zeit.    Phot.   Hugo   Meyl,   München. 
Pferd,  sich  sträubend,  Ton.    H.   30  cm.    T'ang-Zeit.    Ostasiatisches  Museum,  Cöln. 
Pferd,  Ton,  Spuren  roter  Bemalung.    H.  36  cm.    T'ang-Zeit.    Kunstgewerbemuseum,  Hamburg. 

23a.    Pferd,  Ton,  gelbliche  Glasur.    H.  26  cm.    Völkerkundemuseum  Leipzig. 

23b.  Pferd,  Ton,  ohne  Glasur,  Spuren  roter  Bemalung.    H.  28  cm.    T'ang-Zeit.    Phot.  Rex  &  Co., 

Berlin. 
24.      Reiter  zu  Pferd,  mit   Lanze  stechend,  Ton.    H.   34  cm.    T'ang-Zeit.    Phot.  d.  Verf. 
25a.    Kamel,  Ton,  gelbliche  und  braune  Glasur.    H.  55  cm.    T'ang-Zeit.    Bes.  Dr.  Wild,  Nicolassce. 
25b.    Kamel,  Ton,  braune  und  grüne  Glasur.    H.  23  cm.    T'ang-Zeit.    Völkerkundemuscum  Leipzig. 
26.      Kamel,  im  Aufstehen  begriffen,  Ton.    H.  25  cm.    T'ang-Zeit.    Privatbesitz,  Hannover. 


10  Chinesische  Kleinplastik. 


27a.    Ochse,  Ton,  gelbliche  Glasur.    H.  20  cm.    T'ang-Zeit.    Porzellansammlung,    Dresden. 
27  b.  Ochse,  Ton,  Reste  roter  Bemalung.    H.  20  cm.    T'ang-Zeit.    Privatbesitz,  Berlin. 

28.  Ochse,  Ton,  gelbliche  Glasur.    H.  14,2  cm.    T'ang-Zeit.    Kunstgewerbemuseum,  Hamburg. 

29.  Zebu,  Ton.    H.   17,5  cm.    T'ang-Zeit.    Völkerkundemuseum,  München. 

30.  Chylin,  Ton,  ohne  Glasur.    H.  42  cm.    T'ang-Zeit.    Phot.  Edgar  Gutmann,  München. 

31.  Schwein,  Ton,  ohne  Glasur.    H.  5  cm,  L.  12  cm.   T'ang-Zeit.    Bes.  Prof.  Dr.  Curt  Glaser,  Berlin. 
32a.    Gans,  Ton,  glasiert.    T'ang-Zeit.    Besitzer  Dr.  Edmund  Simon,  München. 

32  b.  Ente,  Ton,  gelblich,  braun  und  grün  gefleckte  Glasur.   H.  22  cm.   Sung-Zeit.   Privatbesitz,  Berlin. 

33.  Weibliche  Figur,  Bronze.    H.  37  cm.    Sung-Zeit.    Phot.  Edgar  Gutmann,  München. 

34.  Der  Kriegsgott,  Ton,  gelblich-weiße  Glasur.    H.  24  cm.    Sung-Zeit.    Phot.  Edgar  Gutmann, 
München. 

35.  Mann,  auf  einem  Elefanten  reitend.    Dunkelbrauner  Ton  mit  grauer  Glasur.    H.  23  cm.    Yüan- 
Zeit.    Bes.  Frau  Helene  Lienhardt,  Berlin. 

36a.   Pferd,  aus  weißem  Jade.    H.   u  cm.    Sung-Zeit.    Phot.  Kunsthandlung  Larkin,  London. 
36b.   Gesatteltes  Pferd,  grauer  Jade.    L.  8  cm.    Frühes  Ming.    Bes.   Frau  Helene  Lienhardt,  Berlin. 
37.      Vogel,  ein  Gefäß  tragend,  sog.   Han-Jade.   H.    13  cm.    Sung-Zeit.    Phot.   Kunsthdlg.   L.   Glenk, 

Berlin. 
38  a.    Ochse,  Nephrit.    L.  34  cm.    Yüan-  oder  Ming-Zeit.    Privatbesitz  Berlin. 
38b.   Ochse,  mit  einem  Knaben,  Nephrit.    L.  32  cm.    Yüan-  oder  Ming-Zeit.    Privatbesitz,  Berlin. 

39.  Gott   mit  Schildkröte,  Ton,  gelbliche  Glasur,  mit  sepiabrauner  Bemalung.    H.  i6cm.   Yüan-Zeit. 
Privatbesitz,  Berlin. 

40.  Löwe,  Eisenguß.    H.  29  cm.    Südchina.    Frühe  Sung-Zeit.    Privatbesitz,  Berlin. 

41.  Kuan-Yin,  Holz,  Lack  und  Vergoldung.    H.   18  cm.    Phot.  Edgar  Gutmann,  München. 

42a  u.  b.    Dachreiter,   dunkelbrauner  Ton,  dunkelgrüne  und   braune   Glasur.     H.   je   55  cm.     Frühe 
Ming-Zeit.    Phot.  Hugo  Meyl,  München. 

43.  Verwundeter  Krieger  zu  Pferde,  Ton,  mehrfarbige  Glasur.    (Dachreiter.)    H.  32  cm.    Ostasiati- 
sches Museum,  Cöln. 

44.  Gesatteltes  Pferd,  dunkelbrauner  Ton,  grüne  und  braune  Glasur.    H.  42  cm.    Phot.   Dr.  Hans 
Wendland,  Berlin. 

45.  Buddha,  Porzellan  („blanc-de-Chine").    H.   27  cm.    Ming-Zeit.    Phot.   R.  Wagner,  Berlin. 
46a.    Kuan-Yin,  Porzellan  („blanc-de-Chine").   H.  i8cm.    Kanghi-Zelt.  Völkerkundemuseum,  Leipzig. 
46b.   Kuan-Yin,  Porzellan  („blanc-de-Chine").    H.   21  cm.    Kanghi.    Phot.  D.  Comter,   Amsterdam. 

47.  Frau  mit  Kind,  Elfenbein.   H.  12  cm.  Um  1600.   Sammig.  Stübel,  Kunstgewerbemuseum,  Dresden. 

48.  Vogel,  ein  Gefäß  tragend,  Bergkristall.    H.   23  cm.    Um   1700.    Phot.   D.   Comter,  Amsterdam. 


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